In jeder längeren Diskussion über das Thema Testosteron fallen früher oder später die Schlagworte Haarausfall, Prostatakrebs und Aggressivität.

Die Sorge, dass Testosteron (und vor allem sein kleiner Bruder DHT) mit diesen Problemen in enger Verbindung steht, ist weit verbreitet.

Ob und wie berechtigt sie ist, schauen wir uns jetzt an:

Testosteron und Prostatakrebs

Starten wir direkt mit dem heikelsten Thema:

[Eins vorab: Ich bin kein Arzt und gebe keine Ratschläge, wie man für sich persönlich mit diesem Thema umgehen sollte. Das sind lediglich Informationen und Schlüsse, die ich aus dem mir vorliegenden Quellenmaterial gewonnen habe und von denen ich denke, dass sie für jeden interessant sind. Prüfe gerne die Quellen, um noch tiefer einzusteigen und dir selbst eine Meinung zu bilden.]

Seitdem erkannt wurde, dass das Wachstum von Prostatakrebs durch das Unterdrücken von Testosteron gestoppt werden kann, wird oft angenommen, dass Testosteron auch an der Entstehung schuld ist.

Ersteinmal: Es lässt sich nicht leugnen, dass diese Therapieform erfolgreich ist. Das liegt daran, dass Testosteron das Wachstum von Prostatazellen im allgemeinen stimuliert. Das ist grundsätzlich nichts schlechtes, aber es wird dann ein Problem, wenn Tumorgewebe in der Prostata entstanden ist. Dann lässt Testosteron nicht nur die gesunden Prostatazellen wachsen, sondern auch die Krebszellen in der Prostata. Wenn jetzt Testosteron komplett abgedreht wird, dann stoppt das gesamte Wachstum in diesem Bereich und es wird verhindert, dass der Tumor sich weiter ausbreitet. (Solang die Zellen nicht „kastrationsresistent“ geworden sind.)

ABER die „hormonelle Kastration“ wirkt eben nur, wenn der Krebs schon existiert. Das Wachstum kann gestoppt werden, wenn der Krebs schon da ist, aber ein Zusammenhang zwischen der Entstehung von Krebs und einem hohen Testosteronspiegel existiert nicht.

Und es ist auch ein Fehlschluss zu glauben, dass selbst bei einem bestehenden Krebs gilt: Je höher der Testosteronspiegel, desto schneller das Wachstum. Denn die Prostata kann nur eine gewisse Menge an Testosteron enthalten, ist also irgendwann gesättigt. Und diese Sättigungsmenge ist nicht außergewöhnlich hoch. Die Testosteronkonzentration im Blut kann also wesentlich höher sein als die in der Prostata. Und alles was über diese Sättigungsmenge hinausgeht, lässt den Krebs eben nicht schneller wachsen. Diesen Schluss lässt das auf aktuellen Studien basierte „Sättigungsmodell“ zu.

Also bis hier hin zusammengefasst: 1. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Entstehung von Prostatakrebs und hohem Testosteron und 2. ein überdurchschnittlich hoher Testosteronspiegel führt nicht zu einem schnelleren Wachstum als ein „normaler“ da die Prostata schon bei einigermaßen niedrigen Mengen gesättigt ist und eine hohe Testosteronkonzentration im Blut scheint auf sie keinen Einfluss zu haben.[1]

Dr. Morgentaler, ein Professor für Chirurgie an der Harvard Medical School geht noch einen Schritt weiter. In seinen Studien kommt er sogar zu dem Ergebnis, dass niedrige Testosteronwerte mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs einhergehen. So erkrankten seine Patienten, die niedrige Testosteronspiegel aufweisen, im Schnitt häufiger an PK.[2]

Testosteron und Haarausfall

Auch hier spielt das Hormon eine wichtige Rolle. Aber nicht die wichtigste…

Der Zusammenhang sieht so aus: (Unter anderem) In der Kopfhaut wird das sogenannte 5-Alpha-Reduktase-Enzym hergestellt. Das ist dafür zuständig Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) umzuwandeln. DHT ist wie der kleine Bruder von Testosteron, nur das es wesentlich stärker und effizienter ist. Es dockt leichter an den Androgenrezeptoren an und ist länger aktiv als Testosteron selbst.[3]

Nun kann es sein, dass deine Haarfollikel sehr sensibel auf DHT reagieren. Dann wird die Nährstoffaufnahme der Haare behindert und fallen irgednwann aus. Jetzt kommt allerdings das große ABER: Denn ob deine Haarfollikel so sensibel auf DHT reagieren, hängt davon ab, ob du das sogenannte male-pattern baldness gene (MPB) hast.[4]

Wenn du es hast, dann besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen hohen DHT-Werten und Haarsaufall, wenn du es nicht hast, dann besteht keiner. Eine Studie kommt sogar zu dem Ergebnis, dass ein hoher DHT-Spiegel mit einem 35% geringeren Risiko für Haarausfall zusammenhängt.[5] 

Testosteron und Aggressionen

Der Mythos das Testosteron vor allem aggressiv und kampfeslustig macht, hält sich ebenfalls sehr hartnäckig. Und es lässt sich nicht bestreiten, dass ein Zusammenhang besteht, doch welcher genau und in was für einer Wechselwirkung lässt sich nicht so einfach sagen.

Schauen wir uns das Datenmaterial an:

In Studien mit Tieren wurde herausgefunden, dass ein erhöhter Testosteronspiegel in der Tat mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für körperliche Auseinandersetzungen einhergeht, wenn es um das eigene Territorium, den Rang, oder das begehrteste Weibchen geht. Weniger entscheidend scheint Testosteron dagegen bei Aggressionsformen zu sein, die sich nicht gegen Konkurrenten der eigenen Art richten, beispielsweise bei der Jagd.[6]

Und auch bei Menschen existiert hier ein Zusammenhang. So belegen Auswertungen von Disziplinarberichten, dass Gefängnisinsassen mit höheren Testosteronwerten im Schnitt häufiger in Konflikte mit anderen Häftlingen verwickelt waren. Männer genauso wie Frauen.[7]

Es liegt also tatsächlich die Schlussfolgerung nahe, dass Testosteron aggressiv macht – so leicht ist die Sache allerdings ist.

Denn der Testosteronspiegel verändert sich auch in Reaktion auf bestimmte Situationen. Beispielsweise schauen wir uns am Ende an, wie du schon durch eine Veränderung deiner Körpersprache nachweislich deinen Testosteronspiegel steigern kannst. Also es muss nicht der hohe Testosteronspiegel sein, der zu Aggressionen führt, sondern es tritt auch der umgekehrte Fall ein: Aggressives Verhalten erhöht den Testosteronspiegel. Es kann also sein, dass die streitbaren Insassen nicht aggressiver sind, weil sie hohe Testosteronwerte haben, sondern umgekehrt: Sie haben einen höheren Testosteronspiegel, weil sie aggressiver sind. Ihre Aggressionen werden dann durch ganz andere Faktoren erklärt – der Testosteronspiegel reagiert nur auf das Verhalten.

Ganz einseitig lässt sich der Zusammenhang also nicht betrachten. Und es gibt sogar Studien die zeigen, dass ein hoher Testosteronspiegel den Gerechtigkeitssinn fördert und prosoziales Verhalten unterstützt.

So stellen Maarten Boksem et al. von der Radboud-Universität in Nimwegen fest, dass Menschen sich eher „positiv reziprok“ verhalten, nachdem ihnen Testosteron verabreicht wurde. In einem Spiel revanchierten sich diese Teilnehmer, wenn andere ihnen vorab Vertrauen in Form einer ­größeren Geldsumme geschenkt hatten.[8]

Ein weiteres berühmtes Experiment ist das folgende: Ein Proband (A) verfügt über einen Geldbetrag und er muss dem anderen Teilnehmer (B) ein Angebot machen, wie viel er ihm davon abgibt. B kann annehmen oder ablehnen. Wenn B ablehnt, dann verlieren beide das komplette Geld, wenn B annimmt, behalten beide den Geldbetrag, den A jeweils zugeteilt hat. Probanden, die vorher ein Testosteronpräparat verabreicht bekamen, machten ihrem Gegenüber im Schnitt fairere Angebote.[9]

Das klingt erstmal paradox, aber Forscher erklären sich diese doppelte Funktion von Testosteron folgendermaßen: Wenn ein Konkurrent anwesend ist/der Proband sich in einer starken Wettbewerbssituation befindet, dann fördert Testosteron eher Aggressivität und dominantes Auftreten. Wenn dagegen der eigene Status als gesichert erscheint, dann fördert es prosoziales Verhalten. Und der Zusammenhang zwischen Testosteron und dem sozialen Verhalten ist nach aktuellen Studien sogar der stärkere.[10]

Fazit

Meiner Meinung nach ist die Sorge vor negativen Auswirkungen eines hohen Testosteronspiegels ziemlich unbegründet. Und nenn mich voreingenommen, aber für mich spricht das Datenmaterial eine klare Sprache: Es lohnt sich den Testosteronspiegel auf natürliche Weise zu steigern. Vor allem wenn man sich noch die enormen Vorteile vor Augen hält, die es sonst noch mit sich bringt (hier und hier).

Danke fürs Lesen!

 

 

[1] Morgentaler, Abraham (2008): Destroying the Myth About Testosterone Replacement and Prostate Cancer. Life Extension Magazine. Online verfügbar unter http://www.lifeextension.com/magazine/2008/12/destroying-the-myth-about-testosterone-replacement-prostate-cancer/page-02, zuletzt aktualisiert am 02.12.2017.

[2] Morgentaler, Abraham (2008): Destroying the Myth About Testosterone Replacement and Prostate Cancer. Life Extension Magazine. Online verfügbar unter http://www.lifeextension.com/magazine/2008/12/destroying-the-myth-about-testosterone-replacement-prostate-cancer/page-02, zuletzt aktualisiert am 02.12.2017.

[3] Grino, P. B.; Griffin, J. E.; Wilson, J. D. (1990): Testosterone at high concentrations interacts with the human androgen receptor similarly to dihydrotestosterone. In: Endocrinology 126 (2), S. 1165–1172. DOI: 10.1210/endo-126-2-1165.

[4] Bang, Hyo Jung; Yang, Yoon Jung; Lho, Dong Seok; Lee, Won-Yong; Sim, Woo Young; Chung, Bong Chul (2004): Comparative studies on level of androgens in hair and plasma with premature male-pattern baldness. In: Journal of dermatological science 34 (1), S. 11–16.

[5] Demark-Wahnefried, W.; Lesko, S. M.; Conaway, M. R.; Robertson, C. N.; Clark, R. V.; Lobaugh, B. et al. (1997): Serum androgens: associations with prostate cancer risk and hair patterning. In: Journal of andrology 18 (5), S. 495–500.

[6] Giammanco, Marco; Tabacchi, Garden; Giammanco, Santo; Di Majo, Danila; La Guardia, Maurizio (2005): Testosterone and aggressiveness. In: Medical science monitor : international medical journal of experimental and clinical research 11 (4), RA136-45.

[7] Center For The Advancement Of Health (1997): Testosterone Linked To Violence In Female Inmates. ScienceDaily. Online verfügbar unter www.sciencedaily.com/releases/1997/09/970927110900.htm, zuletzt aktualisiert am 02.12.2017. // Dabbs, James M.; Carr, Timothy S.; Frady, Robert L.; Riad, Jasmin K. (1995): Testosterone, crime, and misbehavior among 692 male prison inmates. In: Personality and Individual Differences 18 (5), S. 627–633. DOI: 10.1016/0191-8869(94)00177-T.

[8] Boksem, Maarten A. S.; Mehta, Pranjal H.; van den Bergh, Bram; van Son, Veerle; Trautmann, Stefan T.; Roelofs, Karin et al. (2013): Testosterone inhibits trust but promotes reciprocity. In: Psychological science 24 (11), S. 2306–2314. DOI: 10.1177/0956797613495063.

[9] Eisenegger, Christoph (2014): Testosteron – Das verkannte Hormon. Spektrum.de. Online verfügbar unter http://www.spektrum.de/news/testosteron-das-unterschaetzte-hormon/1303615, zuletzt aktualisiert am 02.12.2017.

[10] Bergland, Christopher (2013): Testosterone Fuels Both Competition and Protectiveness. Testosterone can bolster either dominance or reciprocity. psychologytoday. Online verfügbar unter https://www.psychologytoday.com/blog/the-athletes-way/201310/testosterone-fuels-both-competition-and-protectiveness, zuletzt geprüft am 02.12.2017.

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